Geschichte

Die Pfarre Inzersdorf St. Nikolaus ist heute jener Teil des 23. Wiener Gemeindebezirkes, der von der Pottendorfer Bahnlinie im Norden und Osten, von der Landesgrenze Wien-Niederösterreich im Süden und von der Autobahn im Westen begrenzt wird. Früher war Inzersdorf eine eigene politische Gemeinde und reichte weit in den heutigen 10. Bezirk hinein.

Gründung einer der ältesten Pfarren der Erzdiözese

Inzersdorf St. Nikolaus ist eine der ältesten Pfarren der Erzdiözese Wien. Die Gründungsurkunde, datiert vom 15. September 1217, ist in einer Abschrift erhalten. Aus ihr geht hervor, dass die Schlosskapelle des Ritters zu Inzersdorf mit den Pfarrechten ausgestattet war. In der Folge erlebten die Ortschaft und die Pfarre schwere, wechselvolle Zeiten: Pest, Hungersnot, Krieg, Überfälle, Plünderungen und Brandschatzungen. Vorbeiziehende Kreuzfahrer brachten wahrscheinlich die Verehrung des Heiligen Nikolaus nach Inzersdorf. 1452 wurde am Wienerberg die Gedenksäule „Spinnerin am Kreuz“ errichtet, die heute nicht mehr in unserem Pfarrgebiet liegt.

Während der Ersten Osmanischen Belagerung im Jahre 1529 wurde ein Großteil des Dorfes „Inzersdorf am Wienerberge“ verwüstet, darunter auch das Pfarrhaus. Daraufhin wohnten die Priester in Wien und kamen nur zum Messelesen, was eine schlechte Betreuung zur Folge hatte. Dieser Umstand sowie die Zugehörigkeit der neuen Gutsherrn, der Brüder Adam und Christoph Geyer von Osterburg, zum lutherischen Bekenntnis bewirkten, dass Inzersdorf von 1560 bis 1678 eine Hochburg des Protestantismus wurde.

In jener Zeit entstand der Brauch des „Auslaufens“. Tausende Wiener strömten an Sonn- und Feiertagen zu den 1583 der Stadt verwiesenen evangelischen Predigern in die Umlandgemeinden Inzersdorf, Vösendorf und Hernals. Inzersdorf wurde ab 1630 ein Jahrzehnt lang als Filiale aus der Pfarre Atzgersdorf betreut. Danach ist wieder ein eigenständiges katholisches Pfarrleben belegt. Aus Dankbarkeit dafür, dass die große Pest von 1679 die Inzersdorfer weitgehend verschont hatte, errichteten die Bewohner am Mühlbachdamm gegenüber der Kirche eine Mariensäule. Ob es sich um dieselbe Marienstatue handelt, die derzeit in der Kirche steht, ist nicht erwiesen. Der 1909 zugeschüttete Mühlbach floß ursprünglich über den Kirchenplatz und war ein Nebenarm der Liesing, die früher aufgrund ihres Verlaufs „Inselbach“ genannt wurde.

Bei der zweiten Belagerung Wiens und seiner Umgebung durch die Osmanen 1683 wurde Inzersdorf völlig zerstört. Es dauerte rund sechzig Jahre, bis sich die Pfarre wieder erholt hatte und die niedergebrannte Kirche einigermaßen wiederhergestellt war. Die Instandsetzung ging schleppend voran. Hochaltar, Kanzel und Stühle waren zusammengefallen, die Fenster bestanden aus Einschusslöchern. Gräfin Maria Antonia von Auersperg ließ die Kirche 1742 renovieren. Unter ihrem Nachfolger, Ferdinand Bonaventura Graf Harrach, wurden 1765 das Neue Inzersdorfer Schloss errichtet, der heutige Draschepark angelegt und 1773 Neustift als neuer Ortsteil gegründet. 1784 wurde der neben der Kirche befindliche Friedhof an seinen jetzigen Platz im Oberen Vösendorfer Feld verlegt.

Neubau der „baufälligsten Kirche von ganz Österreich“

Bereits 1809 konnte man den schlechten Bauzustand der alten romanisch-gotischen Patronatskirche St. Nikolaus erkennen. Die Soldaten Napoleons verursachten zusätzliche Schäden im Kirchenraum. So dachte man an einen Neubau und entwickelte Pläne; es war ein mühevolles Unterfangen mit vielen Gesprächspartnern wie Herrschaft, Diözese, staatliche Behörden, Pfarrer und Pfarrgemeinde. 1816 beklagte der Erzbischof von Wien, dass in Inzersdorf die baufälligste Kirche von ganz Österreich sei. Nachdem die Kirche 1817 bei einem Großbrand vollkommen zerstört worden war, ließ sie der damalige Gutsbesitzer, Jacob Fürst a Sancto Mauro, Herzog von Corigliano-Saluzzo, ab 1818 in der heutigen Form neu errichten: als Rundbau mit Altarapsis, Portikus und Campanile im oberitalienischen Klassizismus. Der Bau wurde 1820 unter seinem Sohn Philipp vollendet. Am 6. Dezember 1821, dem Fest des Heiligen Nikolaus, konnte die Kirche geweiht werden.

Die Inzersdorfer Bevölkerung nahm stetig zu. Daher wurde die Kirche beim Umbau 1845/46 vom neuen Gutsbesitzer Alois Miesbach, dem Pächter der Ziegelei am Südhang des Wienerbergs, vergrößert. Er ließ für den Hochaltar und die Sakristei einen Zubau errichten. Die Rotunde wurde durchbrochen, um Raum für eine Apsis und eine Verbindung mit dem Turm zu schaffen.

Heinrich Ritter Drasche von Wartinberg, Nachfolger und Neffe Alois Miesbachs, ersuchte den Bischof von Wien, eine Gruftkapelle für Alois Miesbach und seine Familie in der Kirche St. Nikolaus bauen zu dürfen. 1860 wurden die Kapelle und zugleich die Sakristei, wie wir sie heute kennen, errichtet. Der Grundriss der Kirche ist seither gleich geblieben.

1882 konnte ein Bronzeguss des Lettnerkreuzes von St. Stefan für die Altarapsis angeschafft werden. Das ursprüngliche Hochaltarbild, eine Darstellung des Heiligen Nikolaus, bezeichnet mit Johann Höfel 1821, befindet sich nunmehr auf der rechten Seite der Kirche. 1898/99 wurde eine Gasbeleuchtung installiert, und die beiden Statuen des Hl. Petrus und Hl. Paulus, welche ursprünglich bei der Kapelle an der Triester Straße standen, wurden in Nischen neben dem Haupttor aufgestellt.

Vom Zweiten Weltkrieg bis zur Corona-Krise

Anfang 1945, nur wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde die Kirche durch zwei Bombentreffer schwer beschädigt. Auch das Hauptwerk der über hundert Jahre alten Orgel wurde zerstört. Nur das Vorwerk konnte gerettet werden. Die fundamentale Wiederherstellung geschah in den Jahren 1955 bis 1960.

1978 wurde die Grabkapelle renoviert, zu einer Werktagskapelle umgestaltet und Marienkapelle benannt. Die Generalsanierung und Renovierung von 1980/81 beinhaltete eine Umgestaltung des Altarraumes, eine Mauertrockenlegung, einen neuen Fußboden mit Heizung und neue Kirchenbänke. Außen wurden die ursprüngliche Gestaltung und Gliederung wiederhergestellt und sowohl die Kirche als auch der Turm neu bemalt. Der Kirchturm wurde wieder mit einer Uhr versehen. Darüber hinaus kam es zur Neugestaltung der Glasfenster durch Professor Anton Lehmden, der zur Jahrtausendwende auch den neuen Kreuzweg verwirklichen würde.

In zwei Restaurierungsphasen wurden 2013 und 2015–16 die zweihundert Jahre alten Mauern trockengelegt sowie Fußbodenheizung, Elektroinstallationen, Beleuchtung und Beschallung erneuert. Weiters gibt es seither barrierefreie Zugänge und einen neuen Glockenstuhl. Auch die Orgel wurde 2016 mit einem neuen Hauptwerk wieder komplettiert. Damit konnte einer der letzten Kriegsschäden in Wien beseitigt werden. Im darauffolgenden Jahr wurde das 800-jährige Pfarrjubliäum feierlich begangen.

Wir bitten Gott und bemühen uns, dass die so wiederhergestellte St. Nikolaus-Kirche ein Zentrum der religiösen und geistigen Prägung unserer Pfarrgemeinde sein möge. Die Pfarrchronik von St. Nikolaus verzeichnet zahlreiche schreckliche Krisen bis hin zur Corona-Pandemie 2020. Doch irgendwann kehrten wieder Ruhe und Normalität ein. Der Glaube an die Auferstehung ließ die Menschen selbst in schwersten Zeiten neue Hoffnung schöpfen. Diese Osterbotschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die bewegte Geschichte der Pfarre St. Nikolaus.

Nach: „Eine Pfarrgemeinde stellt sich vor“ von Altpfarrer Johannes Pucher, überarbeitet/ergänzt 2020.