Fürchte Dich nicht, Maria!

Gedanken zur Ankündigung der Geburt Jesu nach Lk 1,26–38 von Helga Bresich, Predigt aus der Wortgottesfeier vom 20. Dezember 2020.

Liebe Gemeinde von St. Nikolaus!

Ich bin hier, wie man so schön sagt, „a Zuagraste“. Meine ursprüngliche Heimat liegt im Burgenland in einem Ort mit einer großen Marien-Wallfahrtskirche.

Zu Maria zu beten war selbstverständlich. Es gab keinen Gottesdienst, an dem kein Marienlied gesungen wurde. Am großen Frauentag, am 15. August, haben praktisch den ganzen Tag über die Glocken geläutet, um die Wallfahrer aus der Umgebung, zu begrüßen, auch über die Grenze nach Ungarn hinaus. Am Kraftplatz „Maria auf der Heide“. Mehr als zwanzigmal habe ich mich selbst auf die Wallfahrt gemacht von einem Wallfahrtsort zu einem noch größeren Marienheiligtum.

Ich weiß, dass viele Menschen mit der Marienfrömmigkeit nichts anfangen können, sich nicht damit identifizieren können. Doch Kitsch ist das, was man daraus machen kann. Ich habe gelernt, dass die Verehrung Marias sehr menschliche, sehr ernst zu nehmende Gründe hat. Maria ist den Menschen in ihren Lebenserfahrungen nahe; sie ist greifbar, hat Verständnis

Im Evangelium haben wir den Anfang der Geschichte mit Maria in der Bibel gehört. Es gibt in der Kunst unzählige Darstellungen dieser Szene. Ein blond gelocktes Flügelwesen trifft auf eine junge Frau in kostbarer Kleidung, demütig, unterwürfig. Licht umstrahlt sie, und die Taube schwebt über ihr. An Maria wird häufig in der kirchlichen Auslegungsgeschichte ihr Gehorsam und ihre Jungfräulichkeit hervorgehoben. Ihr „Ja“ gilt als das Vorbild für das „Ja“ der Kirche zu Gott. Da gibt es aber noch ganz andere Facetten.

Exegetisch betrachtet, verbindet das heutige Evangelium zwei Erzählmuster, die immer wieder in der Bibel zu finden sind.

Das erste ist die Ankündigung eines Sohnes, die folgendes Muster aufweist:

  • Gott oder ein Engel
  • kündigt die Geburt eines Sohnes an,
  • bestimmt einen Namen für das Kind und
  • bezeichnet die Aufgabe des Kindes in der Welt.

Beispiele dafür sind die Ankündigung der Geburt von Isaak (Gen 17,19) oder Johannes, dem Täufer (Lk 1,13–17). Damit verwoben ist ein zweites typisches Erzählmuster der Bibel: die Berufungserzählung eines Propheten. Diese besteht aus:

  • Gott oder ein anderes himmlisches Wesen
  • nennt eine Aufgabe für den Propheten.
  • Es folgt ein Einwand des Propheten, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein.
  • Dieser wird widerlegt,
  • zum Abschluss erfolgt ein Zeichen der Ermutigung.

Erinnern Sie sich noch, was wir heute gehört haben?

Maria wird ein Sohn angekündigt, und sie wird nach der Art der Propheten berufen.

Sie wird spontan und unerwartet von Gott zu einer großen Aufgabe berufen: der Geburt des Sohnes. Dieser ist der verheißene Messias, der „Gesalbte“ aus Davids Königsgeschlecht.

Ich sehe das so: Der liebende Gott kommt auf Maria zu, er traut ihr etwas zu, er mutet ihr Schwieriges zu und schenkt ihr den Mut dazu. Er sagt ihr seine liebevolle Wertschätzung und Unterstützung zu.

Maria willigt, ganz im prophetischen Geiste, trotz aller Bedenken, in die Aufgabe ein, die ihr von Gott zugedacht ist. Und Maria erweist sich der Berufung, ihrer Erwählung durch Gottes Liebe als würdig. Sie ist eine wahre „Gottesmagd“. So reiht sie sich ein mit Mose und Abraham, die ehrenhalber „Gottesknecht“ genannt werden. Wie sie hat sie sich von Gott in Dienst nehmen lassen. Sie wird nicht klein gemacht, sondern groß.

Lukas schildert uns Maria als Vorbild des Glaubens und als mutige Frau, die sich mutig auf Gott einlässt, staunt und vertraut. Sie bringt durch Jesus eine neue Ordnung in die Welt. Eine Ordnung der Nächstenliebe und Fürsorge.

Eine Ordnung, die eher weiblich als männlich ist.

Johannes berichtet nichts über diese Szene. Und doch beschreibt er Maria als eine, die die Dinge ändert, wandelt. Mutig greift sie auf der Hochzeit zu Kana ein und bittet Jesus, sich um den Wein zu kümmern. Jesus tut sein erstes Wunder, wandelt Wasser zu Wein. Er bringt die Freude in das Leben der Menschen und beginnt sein Heilswirken. So bringt Maria Neues auf den Weg.

Wünschen wir uns als Weihnachtsgeschenk mehr Mut. Mehr Mut, sich berühren zu lassen von etwas, das größer ist als man selbst, größer als das eigene Wissen, als der eigene Verstand. Wie Maria es getan hat.

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